Stadt hinter dem Horizont

Literatur und Chemnitz

Stadt hinter dem Horizont: Text der Woche

Artikel der Kategorie 'Text der Woche'

german werdegang – the modern way of life

von TomS · 2. August 2010 · 1 Kommentar · Chemnitz, Sonstiges, Stadt hinter dem Horizont, Text der Woche

Vom Tellerwäscher
zum Türhalter

Vom Türhalter
zum Zitronenfalter

Vom Zitronenfalter
zum Sachwalter

Vom Sachwalter
zum Buchhalter

Vom Buchhalter
zum Durch knallt er

 

Yeehaw – der Aufschwung ist da! Die Zeiten von german disease sind Geschichte:
Die Zahl der Krankmeldungen in deutschen Betrieben ist Zeitungsberichten zufolge gestiegen, in den ersten sechs Monaten 2010 auf Fünfjahreshöchststand.

Dies wiederum sei ein Zeichen des -> Aufschwungs, da mit wachsender Konjunkturerholung – so Arbeitsmarktexperten – die Angst vor Jobverlust derart nachlasse, dass man sich gleich öfter erlaube, krank zu sein.
Na endlich! – Ich konnte das Wort -> Wirtschaftskrise schon nicht mehr hören.

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lichtraumprofil.

von DerHerrK · 2. August 2010 · Kein Kommentar · Experimente, Stadt hinter dem Horizont, Text der Woche

der ton lässt den raum schwingen
das licht fließt
in den kanal deiner wahrnehmung.

rythmus ist eine [gewaltige] macht -
er wellt das licht in bestimmten momenten.
schafft sich eine welt die unwirklich ist.
er ändert die realität.

gefühl erfasst körper & verändert die möglichkeiten
spotlights strahlen dich an und brechen
deine sinne noch wenn sie schon verloschen
oder weitergezogen sind

3 sekunden später ist dein hirn immer
noch baff von dem was du zuletzt sahst.
ein Paar glasklarer – blauer – augen

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Transformation 2

von TomS · 19. Juni 2010 · 3 Kommentare · Text der Woche

An einer trostlosen Küste

stehen zwei,

einander nicht kennend,

stehen, schweigsam

obwohl

sich doch fast

ihre Hände berühren.

Mann und Frau den

nicht vorhandenen: Mond betrachtend.

a tribute to Rita Varga: Ophelia – Videoinstallation on Ostrale 09

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Dichters Glück und Bürde

von Rudi W. Berger · 30. Mai 2010 · Kein Kommentar · Gastbeitrag, Text der Woche

Heute freue ich mich über den Gastbeitrag eines Autors, der so gar nicht dem Altersgefüge auf  “Stadt hinter dem Horizont” entspricht: Rudi W. Berger. Trotz seines Alters ist er bei Poetry Slams aktiv und überzeugt das Publikum. Er gewann u.a. schon in Chemnitz und Mittweida. Zuletzt trat er bei der langen Campus-Lesenacht in der Neuen Mensa in Chemnitz auf.

Obwohl er Thüringer ist, verbringt er nicht nur bei Lesungen Zeit in Sachsen:  sein Roman “Spitzenrausch” spielt in Plauen.
-  Frank Weißbach

Dichters Glück und Bürde

Du meidest meinen Vers?
Du magst ihn nicht, warum?
Er ist mein Gesicht
Ich hab’ ihm Sitten beigebracht,
nicht die vom Hund, der wedelt mit dem Schwanz.
Er kommt nach mir.
Er lässt sich nicht vernarren
und fürchtet keinen Tanz.

Leihe Lächeln,
schenk’ ihm Geistesblitze,
wenn er dich bittet,
seine Glut mit mir zu teilen.
Aber nein, du lächelst nicht.
Du brütest Eifersucht
und träumst mich von ihm weg,
damit ich dir die Füße wärme,
nachts, und deinen kalten Po.
Kriegst du denn nie genug
und meinst, ich sei aus Eis,
mich lockten weder Düfte noch deine Rose?
Dann frage meinen Vers,
obgleich ich weiß, er ist dir schnuppe.

Soll er denn müßig schweigen, (weiterlesen…)

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Jedes Jahr aufs Neue

von Anne B. · 22. Mai 2010 · Kein Kommentar · Text der Woche

Immer, wenn es in den Urlaub ging, wurden meine Eltern wieder zu Hippies. Dann behing sich meine Mutter mit Perlen, flocht sie sich ins Haar und und bestickte ihre Kleider damit … sie schmückte sich mit der selben Hingabe, wie sie im Winter den Weihnachtsbaum anputzte. Mein Vater band sich ein Tuch um den Kopf; und beide trugen sie weite, bunte Klamotten. Und es gab Marihuana.
Aber auch dann lebten sie nur die Echos ihrer Hippiezeit, denn ihre Gegenwart konnten sie nie richtig von sich streifen. Ihre Kleider bestanden aus Samt und Seide, die Perlen waren echt, und in ihren Joints steckte Gras der besten Sorte. Wenn sie zu einem Grateful-Dead-Konzert gingen, bezahlten sie, falls es sie gab, Logenplätze; und der Wein, den sie tranken, war oftmals so alt wie sie.
Aber wir kamen uns trotzdem vor wie Freaks, wie Beatniks. Neal Cassadys Geist begleitete uns in die Ferien, auch wenn wir ihn immer glatt schliffen.
Unsere Eltern dachten, wir merkten es nicht, wenn sie kifften, aber darin hatten sie sich getäuscht wie in der Annahme, wir bekämen nicht mit, wie sie Liebe machten. Wir sind schon immer gewitzt gewesen, meine Schwester und ich, neugierig. Und wir machten keinen Hehl daraus, wenn uns etwas nicht paßte, verwöhnte Gören, die wir waren.
„Müssen wir morgen unbedingt wieder zu diesem blöden Friedhof?“, jammerte ich an einem Urlaubstag, dessen Datum ich nicht mehr benennen kann.
„Dieser blöde Friedhof“ war Père Lachaise in Paris, wo sich Jim Morrisons Grab befindet, zwei Stunden Autofahrt vom Zeltplatz entfernt. Meine Eltern pilgerten jedes Jahr dorthin, um dem Meister immer wieder aufs Neue die letzte Ehre zu erweisen. Aber ich glaube, sie brauchten einfach nur einen Grund, um immer mal wieder zu Hippies zu werden. Wenn auch zu Edelhippies.
Wir saßen vorm Zelt, tranken Rotwein und Traubensaft und verabschiedeten den Tag. Niemand achtete auf mein Gejammer, nicht einmal meine Schwester, die mir eigentlich den Rücken hätte stärken sollen, aber nein, sie blickte stur in die andere Richtung. Einsam kam ich mir vor, unbeachtet, und wie bei einem Rufer in der Wüste versiegten meine Worte bald und versickerten schließlich im Sand.
Dann waren nur noch die Stimmen der Familien in den Zelten um uns herum zu vernehmen; das leise Klirren des Windspiels, das meine Mutter über dem Zelteingang aufgehängt und das mich in der Nacht zuvor am Einschlafen gehindert hatte; und Jefferson Airplane, irgendwie blechern aus den Boxen des tragbaren Kassettenrekorders, Grace Slicks Sirenengesang. Sicherlich haben auch die Grillen gezirpt, Hunde gekläfft und Vögel geschrien, aber deren Geräusche sind im Chaos meiner Erinnerungen untergegangen.
„Wo hab ich denn nur den Joi… die Zigarette hingetan“, brach mein Vater in die abendlichen Geräusche ein.
„Ich weiß nicht“, sagte meine Mutter, „hast du denn überhaupt einen – ich meine, eine – gedreht?“
„Seit wann dreht ihr Zigaretten?“, sagte ich trotzig, mehr eine Feststellung denn eine Frage.
„Die schmecken selbstgedreht einfach besser. Genau wie selbstgemachte Pizza einfach besser schmeckt.“
Ja, ja. Und Kinder wachsen wie Kohlköpfe auf dem Feld.
Meine Schwester stupste mich mit dem Finger an, sah mich verschwörerisch an und lenkte meinen Blick auf ihre geballte Faust, die sie kurz öffnete, so kurz, daß ich nur etwas Längliches weiß aufblitzen sah.
„Wo hab ich denn nur …“, murmelte mein Vater, und meine Schwester hielt sich die Hand vor den Mund, um ihr Lachen zurückzuhalten; eine Geste, die uns beiden eigen ist.
„Ich dachte wirklich …“
„Dreh einen Neuen“, sagte meine Mutter weise.
Als sich meine Schwester etwas beruhigt hatte, erhob sie sich und sagte: „Wir gehen noch ein bißchen Spazieren.“
„Aber bleibt nicht so lange.“
Wir suchten eine einsame, ruhige Stelle und setzten uns auf einen Stein. Dann begannen wir, den Joint unserer Eltern zu rauchen, den wir zuvor an der rot gleißenden untergehenden Sonne entzündet hatten.

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