Stadt hinter dem Horizont

Literatur und Chemnitz

Stadt hinter dem Horizont: Text der Woche

Artikel der Kategorie 'Gastbeitrag'

Dichters Glück und Bürde

von Rudi W. Berger · 30. Mai 2010 · Kein Kommentar · Gastbeitrag, Text der Woche

Heute freue ich mich über den Gastbeitrag eines Autors, der so gar nicht dem Altersgefüge auf  “Stadt hinter dem Horizont” entspricht: Rudi W. Berger. Trotz seines Alters ist er bei Poetry Slams aktiv und überzeugt das Publikum. Er gewann u.a. schon in Chemnitz und Mittweida. Zuletzt trat er bei der langen Campus-Lesenacht in der Neuen Mensa in Chemnitz auf.

Obwohl er Thüringer ist, verbringt er nicht nur bei Lesungen Zeit in Sachsen:  sein Roman “Spitzenrausch” spielt in Plauen.
-  Frank Weißbach

Dichters Glück und Bürde

Du meidest meinen Vers?
Du magst ihn nicht, warum?
Er ist mein Gesicht
Ich hab’ ihm Sitten beigebracht,
nicht die vom Hund, der wedelt mit dem Schwanz.
Er kommt nach mir.
Er lässt sich nicht vernarren
und fürchtet keinen Tanz.

Leihe Lächeln,
schenk’ ihm Geistesblitze,
wenn er dich bittet,
seine Glut mit mir zu teilen.
Aber nein, du lächelst nicht.
Du brütest Eifersucht
und träumst mich von ihm weg,
damit ich dir die Füße wärme,
nachts, und deinen kalten Po.
Kriegst du denn nie genug
und meinst, ich sei aus Eis,
mich lockten weder Düfte noch deine Rose?
Dann frage meinen Vers,
obgleich ich weiß, er ist dir schnuppe.

Soll er denn müßig schweigen, (weiterlesen…)

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Gütersloh

von Golo Schmidt · 17. April 2010 · 1 Kommentar · Gastbeitrag, Text der Woche

Ich freue mich, den ersten Gastautor, Golo Schmidt, auf “Stadt hinter dem Horizont” begrüßen zu dürfen.  Auch in Zukunft wird dieser Literaturblog für Gastbeiträge offen sein.

Viel Vergnügen bei der Lektüre des Textes “Gütersloh”, der im Übrigen im Rahmen des Chemnitzer Schreibworkshops “Poeten|pub” entstand.
- Frank Weißbach

„Gütersloh“, dachte Jens, das liegt doch am Ende der Welt, am anderen Ende, dem möglicherweise noch dreckigeren Ende als diesem, mit dem er sich abgefunden hatte, als dem Ende, worauf alles hinauslief, alles.

„Gütersloh“, sagte Jennifer, „Das wäre doch ein Anfang!“

„Anfang wovon?“, dachte Jens, der sich damit abgefunden hatte, dass alles, wo auch immer es herkam, auf ein Ende hinauslief.

Selbst eine Geschichte lief auf ein Ende hinaus, doch wem, dachte Jens, der jetzt an die wohl unvermeidliche Reise nach Gütersloh dachte und all die Unbill, die ein über seinen Horizont gehender Ortswechsel mit sich bringen würde, wem sollte er die Geschichte erzählen? Die Geschichte von Jens’ und Jennifers unglaublicher Reise nach Irgendwohin, die Jennifer in ihrem unglaublichen Optimismus als „Tapetenwechsel“ bezeichnete. Noch einmal betrachtete er das Muster der seit ihrem Einzug in die kleine Zweizimmerwohnung ein und derselben Wandtapete, auf die ein Streifen ersten Morgenlichts fiel, eine Retrotapete, die sie gemeinsam ausgewählt hatten und, obwohl das Muster alles mögliche hätte sein können und es in diesem Trödelwarenladen auch keine andere als diese Tapete gab, anschließend gemeinsam als „besonders geschmackvoll“ zu bezeichnen übereingekommen waren. Unter diesen besonderen – den Güterslohumständen – bezeichnete Jens sie indessen insgeheim als „Hotelzimmertapete“ und glaubte jetzt, in dieses besondere Licht getaucht, ein Muster aus aneinandergereihten Butterblumen darin zu erkennen.
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