Stadt hinter dem Horizont

Literatur und Chemnitz

Stadt hinter dem Horizont: Text der Woche

Sie belieben zu träumen

von textfehler · 14. November 2009 · 2 Kommentare · Stadt hinter dem Horizont, Text der Woche

Sie belieben zu träumen
oder: Das hohe Roß der Gleichzeitigkeit

Und wenn die Worte
dem Verschleiß erlegen
nichts mehr bedeuten

wenn kein Empfinden
aufkommt außer Öde
vor dem Rascheln
und Knirschen leerer Hülsen
unterm Gleichschritt

1
Eine Stadtbibliothek
Blick auf eine Zenti, die vormals Zentralhaltestelle hieß
und mit einem mehr an Verruf
ein mehr an Namenslänge einbüßte.
Blicke auf Junkies, die Leute anpöbeln und die, die sich anpöbeln lassen
müssen es ertragen
oder wegfahren wie so viele.
Warum überhaupt „anpöbeln“?
Weshalb nicht „präkarieren“?

Ein Hoch dem Euphemismus!

Günter Kunerts Worte schiebe nicht ins Regal zurück
verwehre angestammte Ruhe im Staubasyl
Lege sie aufgeschlagen auf einen Tisch
Hoffnung ist immer noch Gefühl
(und im Kern semantisch stabil)

2
Liebe Pöbelinnen und Pöbel,
Zur Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung möchten wir sie bitten den öffentlichen Raum der Innenstadt zu meiden.
Wir haben hier kein Problem mit ihnen.

Sie belieben zu träumen!

Die Augustusburger Straße wird wieder begrünt. Im Bereich der Hausnummern 200 und 202 wird der Grünzug erweitert.
Der seit den 1970er Jahren konsequent entwickelte Grünzug Augustusburger Straße wird damit weiter vervollkommnet.

Ein Loblied dem Euphemismus:

Wo bald Kastanien und Linden in Blüte stehn,
Wo Rehkitz und Marder in Einhelligkeit spieln,
Wo Flora wie Fauna stets Neuland entdeckt
Liegt Chemnitz von Blättern und Humus bedeckt

3
Das hohe Roß der Gleichzeitigkeit
hat seine Reiter stets abgeworfen.
Woher ich das weiß?
Erfahrung.
Und Twitter hat es schon tausendmal gesagt -
ohne, dass du es weißt -
gleichzeitig zumeist.
(Wer hier einen Loboismus wähnt,
ist von dem Gaul schon totgetrampelt)

Voll Unmut und Bitterkeit erwartest du den Tag
an dem das letzte deiner heiß geliebten Wörter
einem Wortspiel zum Opfer fällt.
Was dir dann noch bleibt?
Die Erkenntnis,
dass die Welt nicht an Twitter zu Grunde geht.
Umgekehrt vielleicht.

Mit einigen einleitenden Zeilen Günter Kunerts (Kunert, Günter: Und Dann. In: Das kleine aber. ) und Auszügen einer Pressemitteilung der Stadt Chemnitz (Pressemitteilung 776, Chemnitz, den 26.10.2009)

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