Als Egon im Spätsommersonnenschein auf der Wiese steht, ist er Ende Vierzig – sieht aber älter aus -, hat eine, für die in seiner Familie vorherrschenden phänotypischen Merkmale, sehr hohe Stirn, die von den wenigen verbleibenden, ergrauten Haaren umspielt wird. Vor seinen Augen trägt er eine dicke Hornbrille, die er so mag, weil er dann gebildet aussieht. Außerdem hat Egon ein Hobby – ein außergewöhnliches, wie er findet. Er charakterisiert Schmetterlingsgeflüster. Besonders an Spätsommernachmittagen kann er bis zu einhundert verschiedene Schmetterlingsstimmen wahrnehmen und unterscheiden.
Doch heute ist das unwichtig. Egon hat einen Klang vernommen, den er so noch nie zu hören vermocht hatte. Es ist die Stimme des zitronengelben Monarchenfalters, der auf seiner von Haaren geräumten Stirn platzgenommen hat. Völlig unvoreingenommen stellt sich Egon ihm vor, immer mit der Hoffnung, dieses Prachtexemplar würde ihm antworten und nicht stupide vor sich herplappern wie der Rest. Ja, vielleicht würde er ihn sogar zähmen können. Ein eigener Hausschmetterling – damit könnte er vor seinen Freunden angeben und sogar Frauen sollen sich mit einem derartigen Kleinod in der Hinterhand mühelos um den Finger wickeln lassen.
Das erste Wort entgleitet dem Schmetterling und Egon zuckt zusammen. Es ist kein Flüstern. Es ist ein Schrei, der Häuser erzittern lässt, ein Urknall für Egons Trommelfell. Der Schmetterling hatte die Zeit, in der Egon phantasierte genutzt, um in sein Ohr zu fliegen, so dass Egon auch jedes seiner Worte verstehen würde.
Dieses erste Wort war: „Du“. „Nicht schlecht!“, denkt Egon, er hat “Du” gesagt, “DU”…
Doch der Rest der Rede sollte ihn zur Besinnung bringen:
“nichtsnutziger Tagträumer. Steh auf und sieh zu, dass du Arbeit findest!“ Egons Mutter war in sein Zimmer hereingeplatzt und sorgt für die Moral von der Geschicht: Schmetterlingsgeflüster gibt es nicht.
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