Stadt hinter dem Horizont

Literatur und Chemnitz

Stadt hinter dem Horizont: Text der Woche

Artikel der Kategorie 'Musik'

Jedes Jahr aufs Neue

von Anne B. · 22. Mai 2010 · Kein Kommentar · Text der Woche

Immer, wenn es in den Urlaub ging, wurden meine Eltern wieder zu Hippies. Dann behing sich meine Mutter mit Perlen, flocht sie sich ins Haar und und bestickte ihre Kleider damit … sie schmückte sich mit der selben Hingabe, wie sie im Winter den Weihnachtsbaum anputzte. Mein Vater band sich ein Tuch um den Kopf; und beide trugen sie weite, bunte Klamotten. Und es gab Marihuana.
Aber auch dann lebten sie nur die Echos ihrer Hippiezeit, denn ihre Gegenwart konnten sie nie richtig von sich streifen. Ihre Kleider bestanden aus Samt und Seide, die Perlen waren echt, und in ihren Joints steckte Gras der besten Sorte. Wenn sie zu einem Grateful-Dead-Konzert gingen, bezahlten sie, falls es sie gab, Logenplätze; und der Wein, den sie tranken, war oftmals so alt wie sie.
Aber wir kamen uns trotzdem vor wie Freaks, wie Beatniks. Neal Cassadys Geist begleitete uns in die Ferien, auch wenn wir ihn immer glatt schliffen.
Unsere Eltern dachten, wir merkten es nicht, wenn sie kifften, aber darin hatten sie sich getäuscht wie in der Annahme, wir bekämen nicht mit, wie sie Liebe machten. Wir sind schon immer gewitzt gewesen, meine Schwester und ich, neugierig. Und wir machten keinen Hehl daraus, wenn uns etwas nicht paßte, verwöhnte Gören, die wir waren.
„Müssen wir morgen unbedingt wieder zu diesem blöden Friedhof?“, jammerte ich an einem Urlaubstag, dessen Datum ich nicht mehr benennen kann.
„Dieser blöde Friedhof“ war Père Lachaise in Paris, wo sich Jim Morrisons Grab befindet, zwei Stunden Autofahrt vom Zeltplatz entfernt. Meine Eltern pilgerten jedes Jahr dorthin, um dem Meister immer wieder aufs Neue die letzte Ehre zu erweisen. Aber ich glaube, sie brauchten einfach nur einen Grund, um immer mal wieder zu Hippies zu werden. Wenn auch zu Edelhippies.
Wir saßen vorm Zelt, tranken Rotwein und Traubensaft und verabschiedeten den Tag. Niemand achtete auf mein Gejammer, nicht einmal meine Schwester, die mir eigentlich den Rücken hätte stärken sollen, aber nein, sie blickte stur in die andere Richtung. Einsam kam ich mir vor, unbeachtet, und wie bei einem Rufer in der Wüste versiegten meine Worte bald und versickerten schließlich im Sand.
Dann waren nur noch die Stimmen der Familien in den Zelten um uns herum zu vernehmen; das leise Klirren des Windspiels, das meine Mutter über dem Zelteingang aufgehängt und das mich in der Nacht zuvor am Einschlafen gehindert hatte; und Jefferson Airplane, irgendwie blechern aus den Boxen des tragbaren Kassettenrekorders, Grace Slicks Sirenengesang. Sicherlich haben auch die Grillen gezirpt, Hunde gekläfft und Vögel geschrien, aber deren Geräusche sind im Chaos meiner Erinnerungen untergegangen.
„Wo hab ich denn nur den Joi… die Zigarette hingetan“, brach mein Vater in die abendlichen Geräusche ein.
„Ich weiß nicht“, sagte meine Mutter, „hast du denn überhaupt einen – ich meine, eine – gedreht?“
„Seit wann dreht ihr Zigaretten?“, sagte ich trotzig, mehr eine Feststellung denn eine Frage.
„Die schmecken selbstgedreht einfach besser. Genau wie selbstgemachte Pizza einfach besser schmeckt.“
Ja, ja. Und Kinder wachsen wie Kohlköpfe auf dem Feld.
Meine Schwester stupste mich mit dem Finger an, sah mich verschwörerisch an und lenkte meinen Blick auf ihre geballte Faust, die sie kurz öffnete, so kurz, daß ich nur etwas Längliches weiß aufblitzen sah.
„Wo hab ich denn nur …“, murmelte mein Vater, und meine Schwester hielt sich die Hand vor den Mund, um ihr Lachen zurückzuhalten; eine Geste, die uns beiden eigen ist.
„Ich dachte wirklich …“
„Dreh einen Neuen“, sagte meine Mutter weise.
Als sich meine Schwester etwas beruhigt hatte, erhob sie sich und sagte: „Wir gehen noch ein bißchen Spazieren.“
„Aber bleibt nicht so lange.“
Wir suchten eine einsame, ruhige Stelle und setzten uns auf einen Stein. Dann begannen wir, den Joint unserer Eltern zu rauchen, den wir zuvor an der rot gleißenden untergehenden Sonne entzündet hatten.

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Poetry Unplugged – X-Mas Special

von Anne B. · 11. Dezember 2009 · Kein Kommentar · Chemnitz, Veranstaltungstipp

Diesmal steht Poetry Unplugged ganz im Zeichen der Songs und Songwriter. Songtexte werden gelesen, interpretiert oder in Prosa gekleidet. Und auch die Musik kommt nicht zu kurz.

Ein offenes Programm, bei dem Bekanntes auf Neues trifft.

Für den Terminkalender:
Donnerstag, 17. Dezember 2009
Beginn: 20:00 Uhr
im aaltra, Hohe Straße 33, Chemnitz

Eintritt: 2 Euro

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Stella Blue

von Anne B. · 22. November 2009 · 1 Kommentar · Stadt hinter dem Horizont, Text der Woche

Der alte Hippie saß am Rand der Straße und sang Songs of Freedom.
Oder besser gesagt: Lieder längst vergessener Freiheit. Längst vergessene Lieder längst verflogener Freiheit. Längst verflogene Lieder der Freiheit, die auch der Wind nicht zurückzubringen vermag.
Und auch der Hippie ist nur einmal ein Hippie gewesen, und jetzt sitzt er jeden Tag am Straßenrand, bloß noch das Echo eines Hippies, ein langsam verstummender Nachhall.
Seine langen Haare sind fettig und verfilzt, hängen herab wie die Flügel einer müden Friedenstaube. Die Blume in seinem Haar ist verwelkt, die Farben seines Batik-Shirts sind verblaßt, seine Samthose weist kahle Stellen auf und ist abgewetzt wie seine Seele von zu vielen Desillusionen und Enttäuschungen, von zu viel schlechter Musik.
Seine Stimme klingt rauh, kantig, sie ist die Stimme eines Säufers, und doch scheint etwas Wunderbares hindurch wie die Sonne durch eine Wolkenlücke: das Gefühl, daß seine Stimme einmal schön gewesen sein muß.
Monatelang hat er die Ohrwürmer auf und ab gesungen, Songs wie “Born To Be Wild”, “Sounds Of Silence”, “Blowin’ In The Wind”. Songs, die nicht einmal mehr Echos ihrer selbst sind wie der alte Hippie.
Aber heute … heute hat er sich abgewandt von ihnen, heute hat er etwas Vergessenes gespielt, etwas Verlorenes.

“When the cards are down there’s nothing left to see
There’s just the pavement left and broken dreams
And in the end there’s still that song comes cryin’ like the wind
Down every lonely street that’s ever been …”

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