Ich freue mich, den ersten Gastautor, Golo Schmidt, auf “Stadt hinter dem Horizont” begrüßen zu dürfen. Auch in Zukunft wird dieser Literaturblog für Gastbeiträge offen sein.
Viel Vergnügen bei der Lektüre des Textes “Gütersloh”, der im Übrigen im Rahmen des Chemnitzer Schreibworkshops “Poeten|pub” entstand.
- Frank Weißbach
„Gütersloh“, dachte Jens, das liegt doch am Ende der Welt, am anderen Ende, dem möglicherweise noch dreckigeren Ende als diesem, mit dem er sich abgefunden hatte, als dem Ende, worauf alles hinauslief, alles.
„Gütersloh“, sagte Jennifer, „Das wäre doch ein Anfang!“
„Anfang wovon?“, dachte Jens, der sich damit abgefunden hatte, dass alles, wo auch immer es herkam, auf ein Ende hinauslief.
Selbst eine Geschichte lief auf ein Ende hinaus, doch wem, dachte Jens, der jetzt an die wohl unvermeidliche Reise nach Gütersloh dachte und all die Unbill, die ein über seinen Horizont gehender Ortswechsel mit sich bringen würde, wem sollte er die Geschichte erzählen? Die Geschichte von Jens’ und Jennifers unglaublicher Reise nach Irgendwohin, die Jennifer in ihrem unglaublichen Optimismus als „Tapetenwechsel“ bezeichnete. Noch einmal betrachtete er das Muster der seit ihrem Einzug in die kleine Zweizimmerwohnung ein und derselben Wandtapete, auf die ein Streifen ersten Morgenlichts fiel, eine Retrotapete, die sie gemeinsam ausgewählt hatten und, obwohl das Muster alles mögliche hätte sein können und es in diesem Trödelwarenladen auch keine andere als diese Tapete gab, anschließend gemeinsam als „besonders geschmackvoll“ zu bezeichnen übereingekommen waren. Unter diesen besonderen – den Güterslohumständen – bezeichnete Jens sie indessen insgeheim als „Hotelzimmertapete“ und glaubte jetzt, in dieses besondere Licht getaucht, ein Muster aus aneinandergereihten Butterblumen darin zu erkennen.
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