Stadt hinter dem Horizont

Literatur und Chemnitz

Stadt hinter dem Horizont: Text der Woche

Artikel der Kategorie 'Prosa'

Gütersloh

von Golo Schmidt · 17. April 2010 · 1 Kommentar · Gastbeitrag, Text der Woche

Ich freue mich, den ersten Gastautor, Golo Schmidt, auf “Stadt hinter dem Horizont” begrüßen zu dürfen.  Auch in Zukunft wird dieser Literaturblog für Gastbeiträge offen sein.

Viel Vergnügen bei der Lektüre des Textes “Gütersloh”, der im Übrigen im Rahmen des Chemnitzer Schreibworkshops “Poeten|pub” entstand.
- Frank Weißbach

„Gütersloh“, dachte Jens, das liegt doch am Ende der Welt, am anderen Ende, dem möglicherweise noch dreckigeren Ende als diesem, mit dem er sich abgefunden hatte, als dem Ende, worauf alles hinauslief, alles.

„Gütersloh“, sagte Jennifer, „Das wäre doch ein Anfang!“

„Anfang wovon?“, dachte Jens, der sich damit abgefunden hatte, dass alles, wo auch immer es herkam, auf ein Ende hinauslief.

Selbst eine Geschichte lief auf ein Ende hinaus, doch wem, dachte Jens, der jetzt an die wohl unvermeidliche Reise nach Gütersloh dachte und all die Unbill, die ein über seinen Horizont gehender Ortswechsel mit sich bringen würde, wem sollte er die Geschichte erzählen? Die Geschichte von Jens’ und Jennifers unglaublicher Reise nach Irgendwohin, die Jennifer in ihrem unglaublichen Optimismus als „Tapetenwechsel“ bezeichnete. Noch einmal betrachtete er das Muster der seit ihrem Einzug in die kleine Zweizimmerwohnung ein und derselben Wandtapete, auf die ein Streifen ersten Morgenlichts fiel, eine Retrotapete, die sie gemeinsam ausgewählt hatten und, obwohl das Muster alles mögliche hätte sein können und es in diesem Trödelwarenladen auch keine andere als diese Tapete gab, anschließend gemeinsam als „besonders geschmackvoll“ zu bezeichnen übereingekommen waren. Unter diesen besonderen – den Güterslohumständen – bezeichnete Jens sie indessen insgeheim als „Hotelzimmertapete“ und glaubte jetzt, in dieses besondere Licht getaucht, ein Muster aus aneinandergereihten Butterblumen darin zu erkennen.
(weiterlesen…)

Schlagwörter:···

Christine

von Die Dame mit Hut · 1. April 2010 · 2 Kommentare · Hörbar, Text der Woche

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Mehr über Emo-Künstler, Konfetti und die Liebe gibt’s in “Die Dame Mit Hut erzählt“.

Schlagwörter:····

15 Lichtminuten

von Anne B. · 23. Januar 2010 · Kein Kommentar · Text der Woche

(davon die ersten zwei)

„Nur ein Städter kann sich in eine Landpomeranze verlieben.“
Ihre Worte verlieren sich in der Spätsommerluft. Die Grillen zirpen wie wild. Deren flimmernde Musik umgibt uns wie die Kühle und Schwärze des herbstlichen Abends. Die Tage werden wieder kürzer. Ich kann mich an Abende erinnern, die um diese Zeit noch nicht schwarz waren, sondern rosa oder orange, manchmal auch silbern, je nachdem, welche Farbe die Dämmerung trug.
Wir sitzen auf ihrer Veranda und trinken Whisky. Dessen rauchiger Geschmack vermischt sich angenehm mit dem Dunst ihrer Pfeife, der so gar nicht nach Tabak riecht, sondern süß duftet wie eine leise Melodie. Die Whiskyflasche steht zwischen uns, fast leer. Durch das weiße Glas hindurch kann ich ihr Handgelenk und die Armbanduhr sehen, vergrößert. Zehn nach Zehn. Nur ein Schluck, der zwei Daumennägel tief ist, füllt noch den unteren Teil der Flasche aus. Der Sommer hat den Whisky ausgetrunken. (weiterlesen…)

Schlagwörter:·

Stella Blue

von Anne B. · 22. November 2009 · 1 Kommentar · Stadt hinter dem Horizont, Text der Woche

Der alte Hippie saß am Rand der Straße und sang Songs of Freedom.
Oder besser gesagt: Lieder längst vergessener Freiheit. Längst vergessene Lieder längst verflogener Freiheit. Längst verflogene Lieder der Freiheit, die auch der Wind nicht zurückzubringen vermag.
Und auch der Hippie ist nur einmal ein Hippie gewesen, und jetzt sitzt er jeden Tag am Straßenrand, bloß noch das Echo eines Hippies, ein langsam verstummender Nachhall.
Seine langen Haare sind fettig und verfilzt, hängen herab wie die Flügel einer müden Friedenstaube. Die Blume in seinem Haar ist verwelkt, die Farben seines Batik-Shirts sind verblaßt, seine Samthose weist kahle Stellen auf und ist abgewetzt wie seine Seele von zu vielen Desillusionen und Enttäuschungen, von zu viel schlechter Musik.
Seine Stimme klingt rauh, kantig, sie ist die Stimme eines Säufers, und doch scheint etwas Wunderbares hindurch wie die Sonne durch eine Wolkenlücke: das Gefühl, daß seine Stimme einmal schön gewesen sein muß.
Monatelang hat er die Ohrwürmer auf und ab gesungen, Songs wie “Born To Be Wild”, “Sounds Of Silence”, “Blowin’ In The Wind”. Songs, die nicht einmal mehr Echos ihrer selbst sind wie der alte Hippie.
Aber heute … heute hat er sich abgewandt von ihnen, heute hat er etwas Vergessenes gespielt, etwas Verlorenes.

“When the cards are down there’s nothing left to see
There’s just the pavement left and broken dreams
And in the end there’s still that song comes cryin’ like the wind
Down every lonely street that’s ever been …”

(weiterlesen…)

Schlagwörter:··